Archiv der Kategorie: Schriftgeschichte

Lateinische Ausgangsschrift

Warum schreiben wir heute eine Ausgangsschrift? Und was ist das überhaupt?

Die Geschichte der Schrift ist in ständigem Wandel. Selbst in den letzten hundert Jahren gab es beispielsweise in Deutschland keine einheitliche Schrift.

Sütterlin

Die 1915 an deutschen Schulen eingeführte Sütterlin-Schrift galt zu jener Zeit als eine Vereinfachung der bis dato gelehrten „allgemeinen Schulschrift“.
Bereits  1941 wurde die Sütterlin-Schrift durch die „deutsche Normalschrift“ (auch von der Arbeitsgruppe um Sütterlin erdacht) ersetzt. Diese Schrift basierte nicht mehr auf der Fraktur. Sie fußt in einer Antiquaschrift. Mit ihren steil geschriebenen Buchstaben  und stark ausgeformten Rundungen erinnert sie allerdings noch sehr an die Sütterlin-Schrift.

Lateinische Ausgangsschrift

1953 erfolgte eine neuerliche Schriftenreform. An allen Schulen in der jungen Bundesrepublik galt nun die „Lateinische Ausgangsschrift“ als verbindlich. Die  Proportionen wurden gestrafft, Kurvenformen vermindert. Revolutionär war der Gedanke der Namensgebung: Als „Ausgangsschrift“ galt sie nicht mehr als zwingend umzusetzende Normschrift. Die Schüler sollten eine  individuelle, eigene Handschrift entwickeln können.

Schulausgangsschrift

Ab 1968 wurde in Ostdeutschland die „Schulausgangsschrift“ eingeführt. Hier wurden die Großbuchstaben der Lateinischen Ausgangsschrift nochmals vereinfacht. Die Kleinbuchstabenbehielten  ihre Form bei.

Vereinfachte Ausgangsschrift

1973 Jahren wurde für Westdeutschland die  „Vereinfachte Ausgangsschrift“  entwickelt. Der motorische Aspekt der Schrift sollte in den Hintergrund rücken. Wichtiger war von nun an die Kommunikation.  Deshalb sollte sie einfach erlernbar und praktischer anzuwenden sein.
Schon 1980 wurde die Schrift wieder überarbeitet. Die Großbuchstaben sind so stark vereinfacht, dass sie an eine Druckschrift erinnern. Schmückende Elemente fehlen gänzlich.

Aktuell werden somit im gesamten Bundesgebiet drei Schriften den Schülern vermittelt: Die Lateinische Ausgangsschrift, die Schulausgangsschrift, sowie die Vereinfachte Ausgangsschrift. Welche Schrift gelehrt wird, ist von Bundesland zu Bundesland verschieden.

 

 

Was sind Serifen?

Serifen (umgangssprachlich auch „Füßchen“ genannt) sind die häkchenartigen Enden an Buchstaben vieler Antiquaschriften.

Geschichtliches

Als die Griechen der Antike die phönizische Schrift adaptierten, entwickelten sie daraus die Lapidarschrift (lat. Lapsis = Stein). Diese „Steinschrift“ wurde tatsächlich in Stein geritzt oder gemeißelt. Man vermutet, dass die Steinmetze an den Buchstabenenden feine Querrillen eingeschlugen, um das Ausfransen zu verhindern. Als sie erkannten, dass sie durch die Serifen die horizontale Richtung der Schrift betonten und dadurch die Lesbarkeit des Textes  positiv beeinflussten, wurden die Füßchen zum festen Schriftbestandteil.

Die Römer übernahmen die Lapidarschrift und geometrisierten ihre Formen. Daraus entstand schießlich die „Capitalis“.

Klassifikationen

Serifen sind ein Klassifikationsmerkmal für Antiqua-Schriften.  So gibt es   zum Beispiel „serifenbetonte“ und „serifenlose“  Schriften. Diese serifenlosen Schriften nennt man auch Groteskschriften.

Schriften mit Serifen sind bei Lesern häufig beliebter als Groteskschriften, da entsprechende Texte schneller gelesen werden können.

Farbe im Mittelalter

Im 16. Jahrhundert wurden Mönche vor eine besondere Herausforderung gestellt, wenn sie goldene Farbe herstellen mussten,  wie eine alte Handschrift in der Universitätsbibliothek Heidelberg dokumentiert:

„So nimm Quecksilber, vnd Auripigmentum, vnd thue das in ain Eirschal, vnd stoppf das zue, vnd thue das aus in dem ay ist, vnd leg es vnder ain hennen die do prüdig ist. Vnd wen die henlin außgeen so nimm das ay, vnd thue vff welchs dein ist, vnnd zerreib es mit aim wenig wasser, vnd schrieb damit, so wirt es golt.“

Übersetzt meint dies: „Fülle Quecksilber und Auripigment (Arsentrisulfid) in ein ausgeblasenes Ei und verstopfe die Einfüllöffnung. Schiebe das Ei einer brütenden Henne unter. Wenn die Henne ihr Gelege verlässt, so nehme dein Ei, öffne es und zerreib den Inhalt mit etwas Wasser, so dass man damit schreiben kann. Man erhält eine goldene Tusche.“

Für gewöhnlich wurden im Mittelalter  Farben aus natürlichen Rohstoffen angemengt: Als Rohstoffe dienten tierisches Fett, Tran, Eiweiß, Pflanzensäfte, Fischleim und sogar Blut. Pigmente gewann man aus Mineralien. Auch aus Blüten, Blättern, Früchten, Wurzeln, Schnecken, Läusen und Tintenfischen stellte man Farbstoffe her.

Die Herstellung einer schreibbaren Farbe, war aber vermutlich nicht immer so ungewöhnlich, wie bei der eingangs erwähnten Goldtusche.

Paul Renner

Ein wichtiges Kapitel der jüngeren Schriftgeschichte schrieb Paul Renner (*1878, +1956), denn er gehört zu den Pionieren moderner Typographie in Deutschland.
Renner wurde 1910 Mitglied des „Deutschen Werkbunds“, 1925 lehrte er an der Frankfurter Kunstschule Werbegrafik und Typographie und wechselte 1926 nach München, um die dortige Graphische Berufsschule zu leiten. 1924 begann er mit der typographischen Entwicklung der berühmten „Futura“-Schrift.

Die Futura gehört zu den Groteskschriften.

Die Futura ist eine serifenlose, Linear-Antiqua und gehört auch heute noch zu den am häufigsten verwendeten Schrifttypen (neben z.B. „Helvetica“ und Times“). Allgegenwärtig begegnet man ihr in den Printmedien, Fahrzeugbeschriftungen und anderen Werbeträgern. Ihre große Fernwirkung und schlichte Form ermöglichen dem Betrachter eine hervorragende Lesbarkeit des Textinhalts.

Die Rechte an der Futura werden von der „Professor Paul Renner Erben GbR“ mit Sitz in München verwaltet.

Sütterlin

Die Sütterlin Schrift wurde 1911 im Auftrag des preußischen Kultusministeriums durch den deutschen Grafiker Ludwig Sütterlin geschaffen. Im Laufe der Zeit wurde diese Schrift in allen deutschen Ländern übernommen und beibehalten.

Von Adolf Hitler bzw. den Nazionalsozialisten wurde die Sütterlin Schrift 1941 verboten und durch die deutsche Normalschrift (eine lat. Schreibschrift) ersetzt.  Dadurch konnte schriftliches  Propagandamaterial im deutschsprachigen Raum leichter und weiter verbreitet werden.

Sütterlin ist keine Schönschrift.

Zwar basiert die Sütterlin Schrift auf der Frakturschrift, aber sie soll nicht schön aussehen. Vielmehr ist sie eine Schrift zum Schreibenlernen. Das äußert sich in ihren Eigenheiten: Die Strichbreite ist (im Gegensatz zu den meisten anderen Schriften) konstant; die Wörter werden in einem einzigen Linienzug geschrieben; alle Schmuckelemente fehlen, die Buchstaben sind auf das Notwendigste reduziert und die Buchstaben sind nicht geneigt. Diese Eigenschaften sollten das Erlernen des Schreibens vereinfachen.
Heute jedoch kann diese Schrift leider kaum noch jemand lesen. Sütterlin ist somit nur noch eine Randnotiz in der Schriftgeschichte.

Sütterlin
Sütterlin – Schreibschrift entwickelt von Ludwig Sütterlin um 1911

Christusmonogramm

Das Christusmonogramm wurde aus den griechischen Anfangsbuchstaben des namens Christus: X (Chi) und P (Rho) gebildet. Eine frühere Version war das JX aus den Anfangsbuchstaben Jesus Christus.
Es wird auch Chi-Rho, Chrismon, Christogramm oder Konstantinisches Kreuz genannt. Seit Konstantin dem Großen verwendet man es als Symbol für Christus oder auch für das Christentum generell. Zuvor wurden nur der Fisch und das Kreuz als christliches Emblem verwendet.

Später wurde das  ☧ durch die Ähnlichkeit zu den lateinischen Buchstaben P und X als PAX interpretiert. Das bedeutet  Frieden.

Das Alphabet der Phönizier

Die Wiege unserer Schrift ist das Alphabet der Phönizier. Sie schufen um 1200v. Chr. die erste Lautschrift. Erstmals stand ein Buchstabe für einen Laut.

Es fand rasche Verbreitung unter Kaufleuten und Gelehrten, konnte man doch nun Worte festhalten, ohne hunderte Hierogylphen lernen zu müssen. Auch die Keilschrift, die ungleich schwerer zu verstehen war, wurde durch das phönizische Alphabet abgelöst.

Phönizisch
Das phönizische Alphabet

Da die neue Schrift mit Lauten arbeitete, konnte sie auch für andere Sprachen verwendet werden. Schon bald entwickelten andere Völker aus dieser Schrift  eigene Varianten. Viele Buchstaben der heutigen Zeit leiten sich aus dem Phönizischen ab. Das hebräische, das arabische das griechische, das kyrillische und auch das latainische Alphabet entstanden aus dem phönizischen.

Das phönizische Alphabet bestand zunächst ausschließlich aus Mitlauten (Konsonanten). Auf Vokale (Selbstlaute: a, e, i, o, u) wurde verzichtet –man dachte sie beim Lesen einfach hinzu.

Computer und Schrift

In den 80er Jahren wurde auch der Computer ein Werkzeug der Werbetechnik. Allerdings war der Umgang mit den Schriften ungleich komplizierter als mit den heutigen „True Type Fonts“. Geliefert wurden die Schriften auf faustgroßen Steckmodulen, die das Stück mehrere Hundert Mark kosteten. Der Preis war berechtigt: Jeder einzelne Buchstabe einer solchen Schrift, wurde vom Hersteller an mannshohen Staffeleien, Punkt für Punkt am Umriss entlang, von Hand digitalisiert.

Computer versus Handarbeit

Aufgrund der hohen Preise für Digitalschriften war es häufig einfacher einen Schriftzug weiterhin von Hand anzufertigen.
Die Fertigkeit Schrift mit Hilfe von Liniensystemen, diversen Zeichenutensilien und Messern zu zeichnen und zu schneiden, machte somit immernoch den größten Teil der Ausbildung zum Werbetechniker aus.

Durch die Digitalisierung der Schrift geht dieses Wissen um Schriftkonstruktion auf lange Sicht leider verloren. Plotter und Drucker übernehmen in der Werbetechnik heute weitestgehend die handwerkliche Arbeit.

Als ausgebildeter Werbetechniker (korrekte Berufsbezeichnung ist eigentlich Schilder- und Lichtreklamehersteller) empfinde ich es als besonders glücklichen Umstand, dass ich noch die „alte Schule“ erlernen durfte und trotzdem den Umgang mit den modernen Medien beherrsche.